Indien #2: 10 Tage Vipassana-Meditationskurs – Werde zum Buddha

So ihr Lieben, das wird ein langer, aber wie ich finde sehr interessanter Beitrag. Denn so ein Vipassanakurs ist einfach eine Bereicherung für das Leben! Und man fühlt sich nach diesen 10 Tagen einmal komplett neu sortiert und nach vorne geboostet.

Ich gebe euch als erstes einen Überblick über die Vipassanana Meditation und danach folgen dann meine Eindrücke und Erfahrungen, die ich mit dem Kurs in Dharamsala, Indien, hatte und dann folgen die Erfahrungen von meinem Freund.

Was ist Vipassana?

Ich finde, die Homepage dhamma.org erklärt das alles ganz gut, darum nehme ich mir die Freiheit und zitiere einfach mal einiges von der Seite.

„Vipassana ist eine der ältesten Meditationstechniken Indiens und bedeutet soviel wie die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind. Vipassana wurde in Indien vor über 2500 Jahren von Gotama, dem Buddha, wiederentdeckt und von ihm als ein universelles Heilmittel gegen universelle Krankheiten, als eine Kunst zu leben gelehrt. Keiner bestimmten Religion zugehörig, strebt diese Technik die vollständige Beseitigung geistiger Unreinheiten und letztendlich das Glück vollkommener Befreiung an. Vipassana ist ein Weg der Selbstveränderung durch Selbstbeobachtung. Der Fokus liegt auf der tiefen Wechselbeziehung zwischen Körper und Geist, die durch eine geschulte, auf die körperlichen Empfindungen gerichtete Achtsamkeit auf direktem Wege erfahren werden kann. Die Naturgesetze, die unser Denken, unsere Gefühle, unsere Urteile und Empfindungen steuern, werden eindeutig erkennbar. Durch direkte Erfahrung wird verständlich, wie man Fortschritte oder Rückschritte macht, wie man Leiden schafft oder sich vom Leiden befreit. Gesteigerte Achtsamkeit, das Erkennen von Illusionen, Selbstkontrolle und Frieden werden zu Kennzeichen des eigenen Lebens.“

Die Vipassana-Technik soll den Menschen helfen, das Leiden direkt an der Wurzel zu bekämpfen und allen Spannungen und Problemen des Lebens ruhig und ausgeglichen zu begegnen.

Der Kurs

Der Vipassanalehrer S. N. Goenka hat diese Art der Meditation wieder in das Bewusstsein der Menschen gebracht und hunderte von Zentren weltweit gegründet. Der Kurs ist völlig kostenfrei und basiert auf Spenden von vorherigen Kursteilnehmern, sodass jeder die Möglichkeit hat, an einem Kurs teilzunehmen.

„Der Kurs ist ein geistiges Training und erfordert sorgfältiges, ernsthaftes Arbeiten. Ein Schritt besteht darin, eine gewisse Herrschaft über den eigenen Geist zu entwickeln. Dabei lernt man, seine Achtsamkeit kontinuierlich auf das Hereinströmen und Herausfließen des Atems am Eingang der Nasenlöcher zu richten und sich so der Realität des natürlichen, sich fortwährend verändernden Atemflusses bewusst zu werden. Mit dem Erreichen des vierten Tages ist der Geist ruhiger, konzentrierter geworden und ist nun besser in der Lage, mit der Praxis von Vipassana zu beginnen: die Beobachtung der Empfindungen auf der Ebene des Körpers, das Verstehen ihrer wahren Natur und die Entwicklung von Gleichmut, indem man lernt, nicht auf sie zu reagieren. Zum Abschluss des Kurses lernen die Teilnehmer/innen die Meditation der liebevollen Güte, des Wohlwollens gegenüber allen Wesen. Hierbei teilen sie die Reinheit, die sie sich während dieses Kurses erarbeitet haben, mit allen Wesen.“

Die Regeln

Die 10-tägigen Kurse sind strengen Regeln, bzw. Teilnahmebedingungen unterlegen, die sich an dem edlen acht-fachen Pfad Buddhas orientieren. Zu den Regeln gehören:

  • kein lebendes Wesen zu töten
  • nicht zu stehlen
  • sich jeglicher sexueller Aktivitäten zu enthalten
  • nicht zu lügen
  • keine Rauschmittel irgendwelcher Art (einschließlich Tabak und Alkohol) zu sich zu nehmen

Erfahrene Teilnehmer, die bereits einen oder mehrere Kurse dieser Art absolviert haben, sollten sich außerdem daran halten:

  • keine Nahrung nach 12 Uhr mittags zu sich zu nehmen
  • auf sinnliche Vergnügungen und Körperschmückungen zu verzichten
  • nicht in übertrieben weichen oder luxuriösen Betten zu schlafen.

Zusätzlich wird Edle Stille verlangt. Das bedeutet, dass Kommunikation jeglicher Art untersagt ist, also Stille von Körper, Sprache und Geist. Der Kontakt mit anderen Meditierenden, sei es durch Sprache, Mimik oder Gestik sollte unterlassen werden. Bei Problemen oder Klärung von Fragen dürfen die Kursbetreuer natürlich angesprochen werden. Paare und Familienmitglieder werden getrennt und sollten in keiner Weise miteinander in Kontakt treten. Außerdem sollte jegliche Ablenkung unterbunden werden. Bücher lesen, Schreiben, Musik hören, Sport treiben oder Yoga praktizieren ist nicht gestattet. Es geht in dem Kurs hauptsächlich um die Praxis des Meditierens und das Entwickeln der Vipassana-Technik, was durch Ablenkung nicht (oder nur schwer) gelingen wird. Die 10 Tage sind die kürzeste Zeit, die es braucht, um alles zu verinnerlichen. Was aber nur funktioniert, wenn man sich komplett darauf konzentriert und hart arbeitet.

Der Tagesablauf

04:00 Gong – Aufstehen
04:30-06:30 Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer
06:30-08:00 Frühstückspause
08:00-09:00 GRUPPENMEDITATION IN DER HALLE
09:00-11:00 Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer
11:00-12:00 Mittagessen
12:00-13:00 Ruhepause und Gelegenheit zum Interview mit dem Lehrer
13:00-14:30 Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer
14:30-15:30 GRUPPENMEDITATION IN DER HALLE
15:30-17:00 Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer
17:00-18:00 Teepause
18:00-19:00 GRUPPENMEDITATION IN DER HALLE
19:00-20:15 Vortrag des Lehrers in der Halle
20:15-21:00 GRUPPENMEDITATION IN DER HALLE
21:00-21:30 Zeit für Fragen in der Halle
21:30 Nachtruhe – Licht aus

Meine Erfahrung

Wie ihr euch vielleicht beim Anblick des Tagesablaufs denken könnt, war es eine harte, anstrengende Angelegenheit! Vorneweg kann ich sagen, dass man einen wirklich starken Willen braucht, um die 10 Tage gut durchzustehen. Am Ende des Kurses weiß man aber: es hat sich total gelohnt! Und ich war super stolz auf mich, die 10 harten Tage überstanden zu haben…mit all ihren Höhen und Tiefen. Aber erstmal von vorne…

Tag 0

Kurz nach der Ankunft am Tag 0 wurde mir schnell klar: unter solchen Umständen 10 Tage leben wird hart. Da darf man nicht zimperlich sein. Es war kalt, es war nass, dafür gab es aber keine Heizung, in dem Doppelzimmer roch es modrig, es gab Schimmel an den Wänden, es gab Lochtoiletten und es gab nur draußen Duschen. Und es gab überall Zäune, die vor den dort lebenden Affen schützen sollten. Also komplette Gefängnisatmosphäre! Da kamen schon die ersten Zweifel hoch, ob das so eine gute Idee gewesen ist. Und auch ein paar Schuldgefühle, was ich Michi damit angetan habe, der ja auch nur hier ist, weil ich uns angemeldet habe. Aber gut, ich hatte mich ja mental etwas darauf vorbereitet. Ich wusste, dass es kein Luxus Retreat wird und alles ganz simpel sein wird. Trotzdem war es ziemlich kalt, das hatte ich nicht erwartet. Also bin ich nach dem Einchecken noch mal schnell in den Ort geflitzt und habe mir einen großen warmen Schal gekauft. Den habe ich Tag und Nacht getragen, was für ein Lebensretter! Dann kam die große Verabschiedung von Michi, denn wir wurden ja nun getrennt und konnten uns die nächsten 10 Tage nicht sehen und sprechen. Als wir grade in einer Umarmung waren, riss uns so ein Typ völlig aufgeregt auseinander und redete von Noble Silence, was auch bedeutet, dass auf dem gesamten Gelände Körperkontakt strengstens untersagt ist. Dann schickte er uns in den Frauen-, bzw. Männerbereich. Toller Beginn! Immerhin war meine Zimmermitbewohnerin Sarah ganz nett und das leichte Abendessen war auch ganz gut. Danach wollte ich mir erst mal das Gelände anschauen und bin ein wenig umher gewandert. Groß war es nicht, aber dafür eigentlich ganz schön, denn es lag mitten im Wald an einem Abhang. Und ich entdeckte einen schönen Weg, der sich zwischen den Bäumen entlang schlängelte. Und ich entdeckte auch die Affen. Wie süß sie da saßen, sich gegenseitig putzten und umher tollten. Gut, dachte ich mir, das wird also meine Freizeitgestaltung: Spazieren gehen und Affen beobachten 🙂 Außerdem entdeckte ich die normalen Toiletten. Puuh, sehr gut! Muss ich mein Geschäft doch nicht in einem Loch verrichten. Wird ja immer komfortabler hier! Unter solchen Umständen kann man die 10 Tage ja dann doch überstehen 🙂 Am Abend wurde es dann ernst. In der Meditationshalle wurde uns ein Platz zugewiesen und wir erhielten die erste Instruktion für das Meditieren. Und es begann die „Edle Stille“….

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Vorne Frauenbereich, hinten Männerbereich

Tag 1-3

Nach einer super kalten und kurzen Nacht ertönte um 4 Uhr morgens der Gong und läutete den Tag ein. Noch völlig orientierungslos musste ich erst mal klarkommen. Dabei halfen aber auch unsere Betreuer, die bis 4:30 Uhr mit ihren Glöckchen durch die Gänge gingen, um ja alle wach zu kriegen. Hilft ja alles nix. Also aufstehen und ab in die Meditationshalle. Jedoch konnte man entscheiden, ob man auf dem Zimmer meditiert oder in der Halle. Ich war ziemlich überrascht, dass die Meditationshalle so voll war, sind wohl alle richtig motiviert! Ich schielte mal rüber zu den Männern und sah: Michis Platz war leer. Der pennt wohl noch. Jetzt hieß es 2 Stunden meditieren. Um dann später wieder zu meditieren. Und wieder meditieren. Stundenlang. Insgesamt ca. 9 Stunden Meditation beinhaltete das Tagesprogramm.

In den ersten drei Tagen lauteten die Anweisungen, sich auf den natürlichen Atem zu konzentrieren. Ziel war es, den Geist zu beruhigen und zu sensibilisieren. Denn nur mit einem geschärften Geist kann die richtige Vipassana-Meditation angewendet werden. Jeden Tag war die Instruktion aber ein kleines bisschen anders und man sollte sich auf einen immer kleiner werdenden Bereich der Nasengegend konzentrieren. Trotzdem meditierte man 9 Stunden nur das gleiche, was ziemlich frustrierend sein kann und auch wurde. Am Ende des ersten Tages war ich so erschöpft. Der Gedanke, noch 9 weitere Tage genau dasselbe durchzustehen, war bereits jetzt schon unerträglich. Mir tat mein ganzer Körper weh. Die Schultern, der Nacken, der Rücken, die Hüften, der Po, die Beine und Füße. Wie kann man nur so lange sitzen? Und das am besten auch noch mit geradem Rücken und ohne sich groß zu bewegen? In diesen ersten drei Tagen war es aber noch gestattet die Position zu ändern und sich bequemer hinzusetzen. Half aber alles nichts, denn irgendwann tats immer weh. Eher früher als später. Das half meiner Meditation natürlich nicht im Geringsten. Mir wurden knallhart meine Schwächen aufgezeigt. Nicht nur körperlich, sondern auch geistig. So eine einfache Aufgabe, wie „Fokussiere deine Aufmerksamkeit voll und ganz auf deinen Atem. Achte nur auf das Ein- und Ausströmen der Atemluft“, war einfach nicht zu bewältigen. Ich kannte das ja schon vom Meditieren von zu Hause. Meine Gedanken wandern ständig hin und her, sind aber selten bei der Aufgabe. Während der ersten drei Tage ist es mir aber noch mal besonders bewusst geworden. Mein Geist macht einfach das, was er will und nicht das, was ich will. Kann doch nicht sein! Ich muss doch meinen Geist, meine Gedanken im Griff haben! Aber nein, sie haben mich im Griff, sie lenken mich hier hin, lenken mich dort hin….Nur zu ca. 20% war ich voll bei meinem Atem. Nicht mal eine ganze Minute konnte ich mich 100% nur auf meinen Atem konzentrieren. Immer dachte ich alle paar Sekunden an das Essen, an meinen Blog, an unser nächstes Reiseziel, daran wie es Michi grade geht…und und und.. Und es machte Klick: So geht das immer. Nicht nur während der Meditation. Den ganzen Tag über, im normalen Leben haben mich meine Gedanken unter Kontrolle. Sie bestimmen meine Handlungen und meinen kompletten Tag. Was für eine weitreichende Erkenntnis. Ich lasse mich ständig von meinen Gedanken und Gefühlen leiten und nicht umgekehrt. So ein schwacher Geist…Da kommt die Frage auf, wie viel mehr ich mein Leben unter Kontrolle hätte, wenn mein Geist richtig trainiert wäre? Und eigentlich dachte ich immer, ich hätte mein Leben ganz gut im Griff. Huii, aber naja, das war ja noch nicht die Vipassana-Meditation.

In den ersten Tage entwickelte ich auch meine Routinen während den Pausen. Da wir ja nichts machen durften, was unseren Geist ablenkt, war ein Zeitvertreib gar nicht so leicht zu finden. Wir hatten aber eh nicht wirklich Zeit. Die freien Minuten nutze ich für mein tägliches Sportprogramm, was daraus bestand, schnell spazieren zu gehen und mich zu dehnen. Dafür habe ich mir eine Runde mit möglichst vielen Treppen zurecht gelegt 😀 Bei 9 Stunden pro Tag nur sitzen und ansonsten kaum Bewegung, verkümmern meine armen Muskeln und Sehnen ziemlich schnell 😦 … Wartet.. das hört sich eigentlich an, wie der Berufsalltag eines Büroangestellten! Ohje…

Tag 4-10

Mittlerweile war mir nachts nicht mehr kalt. Mit Hilfe meines Superschals überstand ich die Tage ganz gut und außerdem steckt er jetzt voller Meditationsenergie! Schön 🙂 Ab Tag 5 hatte ich mich auch mit dem Essen abgefunden. Damit hatte ich nämlich hart zu kämpfen. Aber nicht, weil es nicht schmeckte. Nein, es schmeckte wirklich super. Es gab natürlich indisch, aber das bedeutet, dass es ziemlich fettig und reichhaltig war. Außerdem war ich nicht gewohnt drei mal am Tag zu essen und das Buffet-system lud natürlich dazu ein, viel zu viel zu essen. Wie sollte ich denn mit diesem schwachen Geist einfach aufhören zu essen? 😀 Geht das bei einem leckeren Buffet überhaupt? Ich habe mich jetzt nicht überfressen, aber eigentlich hätte ich eine Mahlzeit ganz easy auslassen können, denn Hunger hatte ich die 10 Tage überhaupt gar nicht. Das ganze Essensthema war auch eine große Ablenkung während meinen Meditationen, weil ich ständig überlegt hatte, wie ich das am besten mache, was ich an Essen lieber weglassen soll usw. Aber ich hatte mich dann damit abgefunden, einfach immer zu essen, die Situation einfach so hinzunehmen, wie sie ist und dann war das Meditieren auch wieder leichter.

Die Meditationstechnik, die wir am vierten Tag lernten, bezog sich auf den ganzen Körper. Wir sollten nun unseren Körper von Kopf bis Fuß abscannen und auf alle Empfindungen achten. Durch die ersten drei Tage war der Geist so geschärft, dass auch kleinste Empfindungen gespürt werden konnten, bzw. sollten. Ich habe mich trotzdem wie ein blutiger Anfänger gefühlt, bei dem das alles nicht funktionieren will. Aber die neue Technik erforderte mehr Aufmerksamkeit und dadurch war mein Geist glücklicherweise nicht so leicht abgelenkt. Also fühlte ich in meinen Körper tagein tagaus, Stunde für Stunde und wurde tatsächlich immer sensibler. Irgendwann spürte ich dann ab und zu überall im Körper ein leichtes Kribbeln.

Die Vipassana-Meditation besteht aus zwei elementaren Dingen: erstens die Schärfung des Geistes, sodass man jede kleinste Empfindung im Körper spüren kann. Und zweitens Gleichmut. Gleichmut bewahren ist super wichtig, um die Empfindungen, die man spürt, objektiv betrachten zu können. Während wir also unsere Körper scannten, sollten wir keine Ablehnung gegenüber negativen Empfindungen, wie Schmerz, Druck, Kitzeln usw. aufkommen lassen. Ebenso sollten wir gegenüber angenehmen Empfindungen, wie wohliges Kribbeln oder Wärme kein Verlangen entwickeln. Tja, leichter gesagt als getan! Ich hatte natürlich nie Bock auf die Schmerzen in meinen Beinen und ebenso wollte ich das leichte Kribbeln auf der ganzen Haut spüren. Zumal das auch mit der Zeit irgendwann kommen soll. Und wenn das Ziel ist, jede kleine subtile Empfindung spüren zu können, dann versucht man das ja auch. Und dann trotzdem kein Verlangen danach zu entwickeln ist super schwer. Aber ich glaube, dass ich einigermaßen objektiv jede Empfindung beobachten konnte. Dann habe ich immer nur gedacht: Aha hier ist ein Kribbeln, aha hier ist ein großer Schmerz, ok hier ist eine tote Stelle, ich warte mal, bis ich was spüre. Ok die Stelle ist nach Minuten der Aufmerksamkeit immer noch tot, dann gehe ich mal zur nächsten Stelle. Aha ein Druck…usw. So ging das dann Stunden 😀

Wie man sicherlich erkennen kann, hatten wir jede Menge Spaß in unserem Urlaubs-/Freizeitcenter. Nein, aber mal im Ernst, ich finde es sehr wichtig, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und mal in die eigene innere Realität zu schauen. Um das, was wir gelernt haben, auch theoretisch zu verstehen, gab es jeden Abend einen einstündigen Diskurs von Goenka (der Lehrer), den wir uns als Video angeschaut haben. Das war irgendwie immer ein kleines Highlight des Tages. In einem sehr guten und verständlichen Englisch erklärte er uns die Lehren Buddhas und den Sinn der Meditationstechnik. Kurze Zusammenfassung:

Das Ziel ist die Befreiung von allem Leid. Und da Leid durch Abneigung und Verlangen nach bestimmten Empfindungen entsteht, muss Gleichmut entwickelt werden, um nicht mehr mit Gefühlen wie Hass, Wut, Ärger, Leidenschaft, Gier usw. zu reagieren. Alles ist vergänglich und es macht gar keinen Sinn an Dinge anzuhaften, die eh wieder verschwinden. Wenn nur noch wenige konditionierte Reaktionen übrig sind, wird mehr Raum für Liebe und Mitgefühl geschaffen. Der Mensch, der jegliches Leid entfernt hat, ist ein vollkommen zufriedener, glücklicher und mit Liebe gefüllter Mensch.

Das konnte ich schon während der Meditation feststellen. Wenn ich mich mit allen Empfindungen abgefunden habe und sie einfach nur objektiv beobachtet habe, war ich vollkommen zufrieden mit der Situation. Es ging nur darum, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind und nicht, wie wir sie gerne hätten. In solchen Momenten machten mit die Schmerzen überhaupt nichts aus. Der Schmerz war zwar da, aber es tat irgendwie nicht weh. Oder ich spürte ein angenehmes warmes Kribbeln, aber ich identifizierte mich nicht damit und machte es nicht zum Objekt meines Verlangens. Alles war einfach nur da. Und alles geht nach einiger Zeit eh weg oder verändert sich. Also warum ärgern? Wenn ich anfing, mich über Schmerzen leicht aufzuregen und sie mir weg wünschte oder ich hoffte, die Stunde würde bald endlich vorbei sein, wurde alles nur noch unerträglicher. Der Schmerz wurde schlimmer und ich wollte einfach nicht mehr sitzen und starke Unruhe kam hoch. Aber alles nur, weil ich mich so sehr gegen das wehrte, was da war und es nicht akzeptieren wollte. Aber auch das ging vorbei 😉 Und so waren irgendwann die 10 Tage überstanden. Man war ich erleichtert und stolz zu gleich! Am 10. Tag durften wir bereits anfangen miteinander zu reden. Das war super aufregend. Jeder war im Labermodus, besonders die Frauen in meinem Bereich. Es war super laut, alle haben sich über ihre Erfahrungen und Eindrücke ausgetauscht. Das Wiedersehen mit Michi war auch voll schön, aber auch irgendwie komisch, weil Körperkontakt immer noch verboten war und wir uns gar nicht mal umarmen konnten. Und so standen wir uns gegenüber und ich war irgendwie voll aufgeregt und fühlte mich wie bei nem ersten Date 😀

Wie geht es weiter?

Nun heißt es, alles Gelernte ins wahre Leben zu übertragen. Als Anweisung haben wir erhalten, jeden Morgen und jeden Abend jeweils eine Stunde zu meditieren. Der Geist muss immer wieder beruhigt werden und vor allem weiter für subtile Empfindungen geschärft werden und das erreicht man nur während längeren und regelmäßigen Meditationen. Im Alltag sollen wir auch in unseren Körper hineinfühlen. Während wir essen zum Beispiel sollen wir dabei unsere Empfindungen objektiv beobachten und versuchen dabei Gleichmut zu entwickeln. Gleichmut zu entwickeln ist eine sehr sehr schwere Angelegenheit, finde ich. Ich merke mittlerweile ziemlich schnell, wenn mich selbst Kleinigkeiten ein wenig aus meiner Balance werfen. Sowas habe ich früher nie mitbekommen, sondern mich einfach irgendwann nur schlecht drauf gefühlt. Wenn ich aber bei jeder Empfindung gleichmütig bin, dann entstehen die Gefühlsreaktionen erst gar nicht und können mich nicht mehr beeinflussen. Wenn ich das erreicht habe, kann ich wirklich sagen, dass ich Herr (oder Frau) über meinen Geist bin! 🙂

Ich möchte abschließen mit den Worten von Goenka, die er mehrfach am Tag gesungen hat: Bhavatu Sabba Mangalam – Mögen alle Wesen glücklich sein ♥

Michis Eindrücke

Hallo ihr Lieben, mir kommt die Ehre zuteil, euch an meinen Erfahrungen teilhaben lassen zu dürfen, im Großen und Ganzen bin ich nämlich genauso wie Julie ziemlich begeistert und wir würden uns natürlich freuen, den einen oder anderen inspirieren zu können, solch eine Reise ins Innere selbst mal anzutreten 😉
Ich hatte ihr ja bei der Reiseplanung freie Hand gelassen und wurde so mehr oder weniger zur Teilnahme gezwungen, weil sie das als Überraschung geplant hatte und mir erst ein paar Tage vor Abreise gesagt hat was da eigentlich auf mich zukommt haha…ich hatte davon schon gehört, aber mich nicht wirklich damit auseinandergesetzt was man da 10 Tage lang 10 Stunden täglich eigentlich in der Meditation genau macht.
Tja und auf einmal waren wir schon in Indien und zack die ersten Tage rum und schon gings los! Angemeldet, verabschiedet, rein in den Männertrakt, der tatsächlich ein bisschen an ein Gefängnis erinnert ^^ ich war in Block D, überall Zäune, Stacheldraht, Verbotsschilder…Dazu kamen die auch für mich total ungewohnten Essenszeiten, mit denen ich die ersten Tage richtig gehadert habe, meistens esse ich erst um 12 die erste Mahlzeit und dann auch nur Obst oder nen Smoothie und hier gabs schon um 6:30 Frühstück und dann um 11 bereits richtig Mittag und 1700 zum Abendessen nur Zwieback oder Kekse oder Cracker…
Dazu ein total feuchtes vermodertes Schlafquartier mit Schimmel an den Wänden und nach den 10 Tagen dann auch Schimmel am Rucksack…permanent 18 Grad, keine Sonne und kaum Bewegung, also die ersten Tage waren hart, weil ich ständig gefroren habe, dazu Schmerzen vom ganzen Sitzen, das frühe Aufstehen, usw.
Schön war anders, puh worauf hatte ich mich da nur eingelassen! An den ersten Tagen kamen dann während des Meditierens auch diverse kleinere Wutanfälle auf meine tolle Freundin hoch, die ich so unendlich gerne an ihr ausgelassen hätte hahaha aber leider (oder eher zum Glück) keine Chance, das muss man alles mit sich selbst ausmachen!
So ab Tag 4-5 habe ich dann irgendwann gecheckt dass es keinen Sinn macht sich gegen die Situation und Umstände zu wehren sondern man einfach alles so annehmen muss wie es ist…Als ich das realisiert und umgesetzt habe wurden auch meine Gedanken deutlich weniger und ich konnte mich viel besser und länger konzentrieren! Außerdem hatte ich mir dann nen halbwegs bequemen Kissenstapel gebaut und konnte endlich so 40-50 Minuten am Stück mit nur geringen Schmerzen und geradem Rücken sitzen…yeah Meditation kann Spaß machen! Ich konnte subtilere Empfindungen besser spüren und war auch immer bestrebt den so wichtigen Gleichmut gegenüber allem zu finden und beizubehalten…einfach nur chillen egal was ist. Konnte ich vorher eigentlich auch schon ganz gut und jetzt war ich dabei mein chillen aufs nächste Level zu heben…geiler Scheiss.
Während der ganzen Zeit haben sich Hochs und Tiefs eigentlich regelmäßig abgewechselt…Manchmal hatte ich Momente mit tiefstem inneren Frieden, mit allem im Einklang und im Bewusstsein, genau hier und jetzt im richtigen Moment in meinem Leben zu stehen, voller Dankbarkeit für Julie, meiner Familie, Freunden, meinen Meditationslehrern, Buddha, Gott, Mutter Erde und wem man sonst noch alles so danken kann!
Um dann 3 Stunden später auf einmal in ein riesiges Tief zu rutschen, das meistens am späten Nachmittag kam…geistig und körperlich völlig ausgelaugt, nur noch am wünschen „Bitte lass es endlich vorbei sein, was 3 Tage noch?! OMG wie soll ich das durchstehen“, gefühlt am Rande der Depression…aber auch das ging vorbei, Anitya alles ist vergänglich! Warum sich also selbst sein Leiden schaffen in seinen Gedanken?!
Viele Lektionen gelernt, das eigene Ego nicht so wichtig nehmen, mehr Bewusstsein gegenüber seinen Gedanken und Gefühlen entwickeln, Dinge annehmen wie sie sind wenn man sie nicht ändern kann (Und im Leben werden viele Umstände auf einen zukommen die man nicht ändern kann!), die Vergänglichkeit der Dinge (vor allem der Schmerzen) am eigenen Körper erfahren…denn kein intellektuelles Wissen ersetzt die Erfahrungen die man selbst macht!
Also dann, frohes Meditieren euch allen 😀

♥ om sweet om ♥

 

 

 

6 Gedanken zu “Indien #2: 10 Tage Vipassana-Meditationskurs – Werde zum Buddha

  1. Mein Jahr in Indien schreibt:

    Hey Julie!
    Was du über den Vipassana-Meditationskurs schreibst, hört sich richtig toll an!! Ich bin für ein Jahr in Vadodara (Gujarat), vielleicht probiere ich das auch mal aus.
    Noch beeindruckter bin ich aber davon, dass du den Dalai Lama erleben konntest! Hast du ein paar Tips, wie man das am besten anstellt? Wann er sich in McLeod Ganj aufhält etc?
    Würde mich sehr über eine Antwort freuen!

    Gefällt 1 Person

    • omnomjulie schreibt:

      hey 🙂 guck mal hier auf der Seite https://www.dalailama.com/schedule das ist quasi der Reiseplan des Dalai Lamas und so habe ich gesehen, dass er grade in McLeodGanj ist. Aber irgendwie stehen da grade keine Zeiten drin. Musst du öfter mal reinschauen 😉
      Und wäre cool, wenn du ein schönes Vipassana Center findest, das ist echt ne harte Nummer, aber eine große Bereicherung. Schön, dass der Beitrag dir gefallen hat! 🙂 Liebe Grüße

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